„Wissen, wo man hingeht“ – Michael Rotschopf

Es ist nicht leicht, ihn ans Telefon zu bekommen. Es dauert, dann kommt etwas dazwischen, dann noch einmal verschieben: Der Schauspieler Michael Rotschopf ist viel beschäftigt. Doch das macht ihn aus – die rastlose Leidenschaft für das, was er tut.

1969 in Lienz geboren, ist heute Berlin seine Heimat. „Die erste sogar“, sagt er. Ihm fehlten die Berge nicht. In zwei, drei Stunden sei er am Meer. Und was das wichtigste sei: „Diese Stadt bleibt nie stehen. Sie geht immer weiter.“ Und: „Wenn ich etwas nicht brauchen kann, dann etwas, was stehen bleibt. Rotschopf sagt es zweimal. „Ich war in 23 Jahren nicht einen Tag unglücklich hier. Das ist der Ort, an dem ich am meisten blühen kann.“

Er ist auch keiner, der stehen bleibt. Nach seiner Schauspielausbildung in Wien und den frühen Berufsjahren am Burgtheater war er weg. Weg aus Österreich, aus Wien sowieso. Er habe dort alles bekommen, was er bekommen konnte. „Aber ich wusste am Ende, dass es gut ist zu gehen. Und ich habe es nie bereut.“

Prägende Seen

 „Ich habe meine Abenteuerstadt, die ich nach 23 Jahren noch immer nicht komplett kenne. Das Nachhausekommen nach Berlin macht mich einfach wirklich glücklich. Und Rotschopf beschreibt die Spaziergänge mit seinem Hund Wanja in einer Stadt, „die von Natur nur so strotzt“. Und er von den „Pappeln und Linden in jedem Straßenzug. Die ganze Stadt riecht im Frühjahr nach Honig, wenn das Grün explodiert. Havel und Spree treffen sich hier, dazwischen die Schlösser, die Gärten, und ich habe zwei riesige Seen direkt vor der Haustür.“


Ja, die Seen, die seien sehr prägend. Ist Rotschopf doch mit dem Tristacher See aufgewachsen. Und wenn er heute dorthin kommt, genießt er die Landschaft, das Wasser, ein, zwei Mal im Jahr, um die Familie zu sehen. Ob das nicht auch Heimat ist? Seine Heimat kann man sich bauen, sagt er, und das sei manchmal besser als die zugewiesene. „In die Berge will ich gehen, lachend auf Euch niedersehen“, interpretiert er den Dichter Heinrich Heine – und lacht.

„Die Berge haben mich schon immer inspiriert.“

Er sah die Berge, die Dolomiten, stets als Berge, „die einen hinausbegleiten“. Man müsse Osttirol nicht nur als Osttirol sehen, sondern als Beginn des Pustertals, als Beginn der Dolomiten, und er wechselt begeistert zur Geschichte des Dolomitengesteins. „Die Berge sind nicht unverschiebbar. Es ist tektonisches Gestein, das ständig in Bewegung ist, alles führt irgendwo hin. So habe ich das als Kind schon gesehen und überlegt, dass wir doch weggehen, um eine Perspektive zu haben, durchatmen zu können.“  Einen Überblick zu haben bedeute, in dieser Welt keine Angst zu haben, resümiert er. „Früher hatten die Menschen ein viel klareres Bild davon, dass alles zusammenhängt. Die Berge haben mich schon immer inspiriert und immer mit der Frage, wo die denn wohl hingehen.“

Man müsse nur hinüberfahren nach Udine, knapp zwei Autostunden. Wenn man bedenke, dass man dort einen rundum ausgemalten Raum von Tiepolo besuchen könne. „Alles strotzt mit Dingen, die es zu entdecken gibt!“

Und umgekehrt? „Ist es genauso“, ruft Rotschopf. „Das wahnsinnig schöne Schloss Bruck und der Maler Albin Egger-Lienz – viele wissen gar nicht, dass da so etwas ist, etwas Großes!“ Und er spricht weiter über die Literatur. Ein Autor wie Christoph Zanon, der weit mehr gewesen sei als ein Heimatdichter. Alles sei dazu angetan, eine bleibende Geltung in der Darstellung zu beanspruchen.

Ein Gefühl von Vertrautheit

„Und man kann gut Skifahren bei uns“, führt er rasch weiter aus – er sagt „bei uns“. „Ohne die großen Skiautobahnen. Es gibt einen sanften Skitourismus. Man kann gut wandern, und es gibt tolle Produkte und ein kulinarisch unfassbar tolles Angebot.“ Und was viele nicht wüssten: Halb Venedig stehe auf dem Lärchenholz dieser Region, Häuser, Brücken, Gondeln – das meiste stamme aus dem Lesachtal!“


Und dann schweift Rotschopf ab. Von der Millionenstadt in die sonnigen Täler seiner Kindheit. Zu den Wanderungen, die er mit seinem Vater unternommen hat und Speck holte. „Das war alles sehr heimelig und wahnsinnig schön.“ Einen Lieblingsplatz hat Rotschopf nicht. Wohl aber ein Gefühl von Vertrautheit, und es klingt doch ein bisschen nach so etwas wie Heimat, „wenn man über den Felbertauern herunterkommt, die letzten Kehren, und dann sieht man das Schloss Bruck, das ist so ein Bild, das immer da ist. Und tatsächlich der Tristacher See, wenn’s ruhig wird am Abend, oder wenn die Sonne aufgeht am Ederplan.“


„Es heißt immer, man müsse wissen, wo man herkommt“, führt er aus. „Ich sage, es ist wichtiger zu wissen, wo man hingeht. Wobei er sich vorstellen kann, irgendwo im Gebirge, in einer einsamen Hütte, weit droben, zu sterben. Aber so weit ist es freilich noch lange nicht. Er führt Gespräche zu Projekten, Theaterstücken, Filmen … „Es zahlt sich derzeit kaum aus, aber wir machen einfach weiter“, sagt Rotschopf. Er bleibt eben nie stehen. Geht immer weiter.

Autorin:
Monika Hoeksema


© Michael Rotschopf


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