„Meine Welt ist jetzt Chinesisch“ – Daniel Auernig


Er ist schnell, leidenschaftlich, ehrgeizig.
Und er ist gut: Der Maschinenbauingenieur Daniel Auernig lebt seit sechs Jahren in China,
ebenso wie sein Zwillingsbruder Stefan.
Sie sind gebürtige Lienzer, 34 Jahre alt, beide von klein auf technikbegeistert. 



Klar, dass sie auch ihre Ausbildung an der HTL in Lienz gemeinsam absolviert haben. Es folgte das Studium an der TU Graz, Maschinenbau/Wirtschaftsingenieurwesen. Finanziert haben sich das die beiden mit der Arbeit im Tunnelbau in den Semesterferien. Als frisch gebackene Ingenieure folgte ein Projekt in Norwegen, doch schon bald war klar: „Wir lernen Chinesisch“.  



Huhn oder Nudeln – kein Problem 

Im Jahr 2014, ein Jahr, bevor sie ihre Koffer packten, um in ein Flugzeug Richtung China zu steigen, begann die Lernerei, mit Büchern und Apps, und bei ihrer Ankunft konnten die beiden schon 1200 Zeichen schreiben und wussten, ob sie Nudeln oder Huhn bestellten. „Unser Ziel war von Anfang an, die chinesische Oberstufenprüfung zu machen“, sagt Auernig. „Und wir waren sogar ein Jahr früher fertig als geplant.“ Heute sprechen und schreiben beide Brüder fließend Chinesisch.

Daniel Auernig arbeitet als Technical Managing Director /COO sowie als Managing Director  für zwei deutsche Unternehmen. Er ist der einzige Ausländer der Gruppe in China. Von seinen rund 100 chinesischen Kollegen spricht kaum einer auch nur ein paar Brocken Englisch. „Mir gefällt das, wenn ich der einzige Ausländer bin“, schwärmt er. 


Er suche die chinesische Umgebung. Die Kollegen seien alle sehr motiviert und freundlich hier.
„Es herrscht eine total nette Atmosphäre.“ Und weil die Technik immer weiter fortschreitet und sein Job auch viel mit Budgetierung und Finanzwesen zu tun hat, bildet er sich stetig weiter, liest Bücher und Magazine über die chinesische Wirtschaft und Automatisierungstechnik.  


Chinesische Nachrichten im Fitnessstudio 

Hat er Heimweh? Mei, das hält sich in Grenzen. Mit den Eltern und den älteren Geschwistern gibt es „eine super Verbindung“ mithilfe von Video-Chats. Und wenn er zwischendurch zuhause ist, genießt er die Natur, die sei in China oft künstlich angelegt. Ansonsten hat er ein straffes Programm. Denn Auernig hat noch eine andere Leidenschaft: Sport. Er trainiert am Abend rund anderthalb Stunden im Fitnessstudio. Die 45 bis 60 Minuten auf dem Spin-Bike danach nutzt er zum „Afterburning“ und liest dabei wieder den Wirtschaftsteil – auf Chinesisch natürlich.  


„Ohne Chinesisch geht es nicht.“ Er spricht schnell. „Ich bin von Herzen Techniker, aber das kommt dazu.“ Wie solle man auch einen 3-Jahres-Budgetierungsplan erstellen und über Abschreibungen oder Amortisierung nachdenken, wenn es sprachlich nicht klappe.
„Ich muss als Techniker so viel mehr verstehen als ein Dolmetscher“, erklärt er und holt aus: „Da kann einer Chinesisch studiert haben – wenn es aber z.B. um ein Spritzgussverfahren geht, können da schon mal Missverständnisse entstehen, und ich will nicht auf einen Übersetzer angewiesen sein.“
Nur mit der Sprache als Werkzeug bekäme man, was man wolle. 


„Man kann von China wirklich lernen“ 

Was Osttirol von China lernen könnte?
„Die Osttiroler sind ein bisschen engstirnig“, lacht er. „Die sagen, was du willst Chinesisch lernen? Bist deppert, das geht doch nie. Aber die Menschen sind sich noch nicht der Wichtigkeit des chinesischen Marktes bewusst. Die Chinesen sind in Bereichen führend, wo man es nicht glauben würde. Die Kollegen hier arbeiten viel und gern und haben auch noch Spaß dran. Jeder ist gewillt, sich weiterzubilden. Man kann von China wirklich lernen.“ 
Seine chinesischen Freunde freuen sich jedes Mal, wenn er ihnen lokale Produkte wie z.B. Schnaps aus Osttirol mitbringt. Diese regionalen Produkte „kann man in China leider noch nicht kaufen“. 

Und um zu verstehen, was Auernig wirklich macht: Es geht um Beton, um Innovationen und Lösungen, und wer ihn reden hört, weiß, es gibt nichts Besseres.
Das Maschinenbau-Unternehmen für das er arbeite, sei weltweit führend in der Beton- und Baustoffindustrie. Auernigs Aufgabe: das Entwickeln vollautomatisierter  Produktionslinien und -systeme zur Herstellung unterschiedlichster Betonelemente und  neuer Baustoffe. Die chinesische Niederlassung konnte sich sogar eigenständig im Bereich für Bahnschwellen der Hochgeschwindigkeitszüge als Markt- und Technologieführer in China positionieren.

 

„Setzt Euch Ziele!“ 

Auernig ist sich bewusst, dass er auf eine sehr gute Ausbildung in Österreich aufgebaut hat. Er könnte sich sogar vorstellen, sein Wissen zuhause zu teilen, wenn es sich ergibt. 
Und nicht nur das reine Wissen, sondern auch die Motivation dahinter: Er selbst hat zuhause ein Whiteboard, auf dem er sich all seine Ziele notiert. Ist eines erreicht, wischt er es weg und schreibt ein neues hin.
„Das ganze Leben ist ein Goal-Setting“, sagt Auernig begeistert. Viele junge Leute hätten Potenzial und würde ihre Zeit trotzdem mit Computerspielen vergeuden.


„Setzt euch Ziele!“ ruft er. Es sei wie beim Sport: „Man muss dranbleiben, dann kommt man auch dorthin, wo man hin will.“
Er habe sich immer schon gedacht, dass es mehr geben müsse als zu arbeiten und dann mit 65 in Pension zu gehen. 
Er zitiert noch ein chinesisches Sprichwort: 
„活到老, 学到老“, was so viel bedeutet wie: Es ist nie zu spät, etwas Neues zu lernen. „Es geht. Es funktioniert.“  
Und Daniel Auernig ist der beste Beweis. 

Autorin:
Monika Hoeksema

© Daniel Auernig

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